Warum Familienmitglieder im Unternehmen Chance und Risiko zugleich sind
Nähe kann tragen. Oder lähmen. Woran liegt es, wenn beides nah beieinanderliegt?
Es gibt Bilder, die sich einprägen. Eines davon ist für mich ein Familienunternehmen im Süden Deutschlands. Drei Generationen unter einem Dach. Die Grossmutter, achtzig Jahre alt, noch immer jeden Morgen im Büro. Der Sohn, fünfundfünfzig, verantwortlich für die Produktion. Die Enkelin, dreissig, gerade eingestiegen, voller Ideen.
Als ich das Unternehmen in einer schwierigen Phase begleitete, dachte ich: Das ist es doch. Das ist die Idealfamilie. Alle ziehen an einem Strang. Alle wollen das Gleiche.
Ein Jahr später war die Enkelin weg. Der Sohn hatte gekündigt. Die Grossmutter sass allein im Büro und verstand die Welt nicht mehr.
Was war passiert? Nichts Aussergewöhnliches. Nur das, was in Familienunternehmen tausendfach passiert: Die Nähe, die jahrzehntelang getragen hatte, wurde plötzlich zur Last. Die Rollen, die immer klar schienen, vermischten sich. Aus Familie wurde Firma, aus Firma wurde Familie – und am Ende war beides beschädigt.
Die Chance der Familie
Wenn es gut läuft, ist die Familie die grösste Stärke eines Unternehmens. Sie steht für Kontinuität, für Werte, für Vertrauen. Sie denkt nicht in Quartalen, sondern in Generationen. Sie fragt nicht, was kurzfristig rauszuholen ist, sondern was langfristig trägt.
Ich kenne Unternehmen, die genau deshalb seit hundert Jahren bestehen. Weil die Familie mehr ist als eine Besitzerstruktur. Weil sie eine Haltung ist. Weil die Menschen, die dort arbeiten, nicht nur einen Job haben, sondern Teil einer Geschichte sind.
In solchen Unternehmen entscheiden die Familienmitglieder anders. Sie denken nicht nur an sich, sondern an die, die nach ihnen kommen. Sie investieren, auch wenn es weh tut. Sie halten zusammen, auch wenn es schwierig wird.
Das ist die grosse Chance der Familie. Sie kann etwas tragen, das keine noch so gute Unternehmensberatung ersetzen kann.
Das Risiko der Familie
Aber die Familie kann auch das Gegenteil bewirken.
Sie kann lähmen. Wenn der Vater nicht loslassen kann und der Sohn nicht übernehmen darf. Wenn die Geschwister sich streiten, weil jeder glaubt, den besseren Weg zu wissen. Wenn die Ehepartner sich einmischen, ohne etwas von der Sache zu verstehen.
Sie kann zerstören. Wenn aus sachlichen Konflikten persönliche werden. Wenn Weihnachten nicht mehr gefeiert wird, weil man sich im Aufsichtsrat nicht einigen konnte. Wenn das Unternehmen zum Schlachtfeld wird für Dinge, die nichts mit dem Unternehmen zu tun haben.
Ich habe beides erlebt. Familien, die sich durch jede Krise getragen haben. Und Familien, die an der ersten kleineren Herausforderung zerbrochen sind. Der Unterschied lag selten im Unternehmen. Er lag in der Fähigkeit, zwei Dinge zu trennen: die Familie und die Firma.
Die Kunst der Trennung
Das ist vielleicht die schwerste Aufgabe in einem Familienunternehmen: die Rollen zu trennen.
Am Esstisch ist man Mutter, Vater, Tochter, Sohn. Im Unternehmen ist man Chef, Mitarbeiter, Nachfolger, Vorgänger. Wer diese Rollen vermischt, wird früher oder später scheitern. Weil am Esstisch andere Regeln gelten als im Büro. Weil man der Tochter nicht sagen kann, was man einem Mitarbeiter sagen würde. Weil man dem Vater nicht widersprechen kann, wie man einem Vorgesetzten widersprechen müsste.
Die besten Familienunternehmen, die ich kenne, haben eines gemeinsam: Sie haben klare Regeln. Für die Kommunikation. Für die Entscheidungsfindung. Für den Umgang miteinander. Und sie haben die Disziplin, sich daran zu halten – auch wenn es weh tut.
Sie wissen: Die Familie ist das Fundament. Das Unternehmen ist das Haus. Wer das Fundament beschädigt, gefährdet das Haus. Und wer das Haus überlastet, zerstört am Ende auch das Fundament.
Was bleibt
Ein Familienunternehmen zu führen ist keine normale Führungsaufgabe. Es ist eine Lebensaufgabe. Sie verlangt nicht nur unternehmerisches Können, sondern auch emotionale Intelligenz, Geduld und die Fähigkeit, auch mal zurückzustecken.
Für Eigentümer, die mit Familienmitgliedern im Unternehmen stehen, gibt es eine einfache Frage: Haben Sie Regeln, die tragen? Oder hängt alles an Ihnen und daran, dass alle sich irgendwie arrangieren?
Daran zu arbeiten lohnt sich. Für das Unternehmen. Und für die Familie.
Frage an Sie:
Wo beginnt bei Ihnen im Familienunternehmen die Firma – und wo hört die Familie auf?
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