Beyond M&A
Was wirklich zählt, wenn Unternehmen den Besitzer wechseln. Eine Einladung, über den Deal hinauszudenken.
Wenn man die Wirtschaftspresse liest, könnte man meinen, Mergers & Acquisitions sei eine Disziplin für Zahlenmenschen. Für Finanzexperten, die in Due Diligence-Berichten blättern, Kaufpreisfaktoren verhandeln und Vertragswerke optimieren.
Das ist nicht falsch. Aber es ist gefährlich verkürzt.
Denn die Wahrheit ist: Die meisten Transaktionen scheitern nicht an den Zahlen. Sie scheitern an dem, was keine Zahl abbilden kann. An unausgesprochenen Erwartungen. An unterschiedlichen Vorstellungen davon, was nach dem Deal kommt. An der einfachen Tatsache, dass Unternehmen keine Ansammlungen von Aktiven sind – sondern lebendige Organisationen mit Kultur, mit Geschichte, mit Menschen, die nicht in Excel-Tabellen passen.
Ich nenne das: Beyond M&A.
Die Illusion der Transaktion
In der klassischen Vorstellung ist ein Unternehmenskauf ein klarer Vorgang. Der Käufer will kaufen. Der Verkäufer will verkaufen. Man einigt sich auf einen Preis, unterschreibt Verträge, übergibt. Fertig.
Diese Vorstellung ist verführerisch. Sie reduziert Komplexität. Sie macht das Undurchsichtige durchschaubar. Sie gibt Sicherheit.
Nur: Sie hat mit der Realität wenig zu tun.
Ich habe in 25 Jahren über 150 Unternehmen in Phasen des Wandels begleitet. Als strategischer Partner, als Verwaltungsrat, manchmal auch als Investor. Und immer wieder habe ich gesehen: Die grössten Probleme entstehen nicht dort, wo die Zahlen nicht stimmten. Sie entstehen dort, wo man vorher nicht über das gesprochen hat, was keine Zahl ist.
Der Verkäufer dachte, er könne noch zwei Jahre bleiben und den Übergang sanft gestalten. Der Käufer dachte, er übernehme sofort und stelle alles um. Der Verkäufer wollte seine Kultur erhalten. Der Käufer wollte sie verändern. Diese Dinge standen in keinem LOI. Sie wurden in keiner Due Diligence besprochen. Und sie haben den Deal scheitern lassen – nicht nach der Unterschrift, sondern lange vorher, im Kleinen, im Alltag, in der Frustration, die sich aufbaute, weil niemand verstand, was der andere eigentlich wollte.
Eine Transaktion ist nie nur eine Transaktion. Sie ist immer auch ein Übergang. Ein Abschied. Ein Neuanfang. Und wer das nicht versteht, handelt gegen die Natur der Sache.
Die Perspektive des Eigentümers
Der grösste Unterschied zwischen einem Transaktionsberater und einem strategischen Partner liegt nicht im Fachwissen. Er liegt in der Perspektive.
Der typische M&A-Berater denkt vom Deal her. Sein Ziel ist es, die Transaktion über die Bühne zu bringen. Er optimiert den Preis, die Verträge, den Prozess. Das ist sein Job. Und er macht ihn oft gut.
Aber er denkt nicht vom Eigentümer her.
Ein Eigentümer, der sein Unternehmen verkauft, tut das nicht einfach. Er trennt sich von etwas, das er oft über Jahrzehnte aufgebaut hat. Das ist nicht nur eine finanzielle Entscheidung. Das ist eine existenzielle.
Die Frage ist nicht nur: Was ist mein Unternehmen wert? Sondern auch: Was kommt danach? Wer bin ich, wenn ich nicht mehr der Chef bin? Was bleibt von dem, was ich geschaffen habe?
Ein Eigentümer, der zukauft, tut das nicht nur, um zu wachsen. Er nimmt etwas in sein Unternehmen auf, das vorher nicht dagewesen ist. Neue Menschen, neue Kultur, neue Art zu arbeiten. Das ist nicht nur eine strategische Entscheidung. Das ist eine Frage der Integration, der Führung, der Geduld.
Ein Eigentümer, der in der Nachfolge steht, sucht nicht nur einen Nachfolger. Er sucht jemanden, dem er vertrauen kann. Jemanden, der weiterführt, was er begonnen hat. Jemanden, der versteht, worum es eigentlich geht.
Diese Fragen lassen sich nicht mit Kennzahlen beantworten. Sie lassen sich nicht in Data Rooms klären. Sie brauchen etwas anderes: Gespräche auf Augenhöhe. Ein Gegenüber, das die Perspektive des Eigentümers teilt. Nicht als Dienstleister, der von aussen Empfehlungen gibt. Sondern als Partner, der selbst weiss, worum es geht.
Die Kunst des Dazwischen
In all diesen Phasen gibt es einen Moment, den ich den Moment des Dazwischen nenne.
Der Vertrag ist unterschrieben. Das Geld ist geflossen. Aber das Unternehmen ist noch nicht im neuen Besitz angekommen. Die alten Strukturen wirken noch. Die neuen sind noch nicht gefestigt. Die Menschen schauen, was passiert. Es gibt Verunsicherung, Hoffnung, manchmal auch Angst.
In diesem Moment entscheidet sich, ob ein Deal wirklich gelingt.
Die Zahlen sind dann längst Geschichte. Es geht nicht mehr um den Preis. Es geht um Vertrauen. Um Kommunikation. Um die Fähigkeit, zwei unterschiedliche Welten zusammenzubringen, ohne dass eine zerbricht.
Viele Transaktionen scheitern genau hier. Nicht, weil die Due Diligence schlecht war. Sondern weil niemand sich um das Dazwischen gekümmert hat. Weil alle dachten, mit der Unterschrift sei die Arbeit getan.
Die Kunst des Dazwischen besteht darin, zu verstehen, dass ein Deal kein Ende ist. Er ist ein Anfang. Ein Anfang für den Käufer. Ein Anfang für den Verkäufer. Ein Anfang für das Unternehmen, das nun in neuen Händen liegt.
Wer diese Kunst beherrscht, weiss, dass die eigentliche Arbeit nach der Unterschrift beginnt. Dass Integration mehr ist als Prozesse angleichen. Dass Übergabe mehr ist als Verantwortung übergeben. Dass Verkauf mehr ist als Geld empfangen.
Es ist die Kunst, im Dazwischen zu bestehen. Die Kunst, Brücken zu bauen, wo vorher Gräben waren. Die Kunst, zu sehen, was keiner sieht: die unausgesprochenen Erwartungen, die stillen Ängste, die leisen Hoffnungen.
Was bleibt
Beyond M&A ist kein Programm. Es ist eine Haltung.
Es ist die Überzeugung, dass Unternehmen mehr sind als ihre Bilanzen. Dass Deals mehr sind als Transaktionen. Dass Eigentümer mehr sind als Verkäufer oder Käufer.
Es ist die Überzeugung, dass die erfolgreichsten Deals nicht im Data Room entschieden werden. Sondern in Gesprächen, die früh genug geführt werden. In Erwartungen, die rechtzeitig geklärt werden. In Vertrauen, das wachsen darf, bevor es gebraucht wird.
The Art of Buying and Selling Businesses liegt genau hier: Beyond M&A.
Für Unternehmer, die nicht nur verkaufen oder kaufen wollen. Sondern die verstehen wollen, was dabei wirklich geschieht.
Für Partner, die nicht nur Deals machen, sondern Begleiter sind.
Für alle, die verstanden haben, dass M&A mehr ist als eine Disziplin für Zahlenmenschen.
Frage an Sie:
Was beschäftigt Sie mehr: der Preis oder das, was nach dem Deal kommt?
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Wenn dieses Thema für Sie aktuell ist, sprechen Sie mich an: felixtschopp.com, ft@felixtschopp.com, +41 79 303 33 31


